Das Averfehrdener Kreuz

Gewandelt und gewandert durch die Zeiten

Foto von Karl-Heinz Krützkamp

Foto von Karl-Heinz Krützkamp

„In der Johannisstraße steht ein altes Kreuz, an dessen Geschichte kaum jemand Anteil nimmt …“ Mit diesen Worten begann Kaplan Fischer seinerzeit den beschreibenden Text für das sogenannte „Mennemann’sche Kreuz“ an der Straßenkreuzung gegen über dem alten Feuerwehrhaus in Glandorf. Diese Beschreibung aus dem Heft 2 „Kreuze, Klausen und Grotten in Glandorf u. Schwege“ liefert wichtige Hinweise über die wechselhafte Geschichte dieses Kreuzes, seines Standortes sowie den Begräbnisriten vergangener Tage. Der Standort dieses Kreuzes ist als Einholstelle für die Averfehrdener Verstorbenen in Erinnerung geblieben. In den Zeiten vor 1956 war es in den umliegenden Bauerschaften üblich, sobald ein Familienmitglied verschied, die sterbliche Hülle bis zur Beerdigung im eigenen Hause aufzubahren. Am Tag der Beisetzung brach der Beerdigungszug vom Gehöft in Richtung Kirche auf. Die Pfade, die dann begangen wurden, nannte man Leichwege und führten direkt zu den Einholstellen an den Ortseingängen. Diese Wege waren in der Vormoderne stets ein Problem. Ihre Instandhaltung oblag in der Regel denjenigen, an deren Grund sie vorbeiführten. Doch waren sie in der Praxis durchweg in schlechtem Zustand. Kaum befestigt, mussten sie immer wieder neu eingetreten und eingefahren werden. Häufig sammelte sich Regenwasser in ihnen und so weichten sie völlig auf. Insbesondere in Herbst- und Winterzeiten, so beklagten sich die meisten Pfarrer im 18. Jahrhundert, waren sie häufig nicht passierbar. Auch war der Verlauf der Wege nicht überall unstrittig bzw. waren private Leich- und Kirchwege durch die landwirtschaftliche Nutzung eines anderen verschwunden. Um jene Streckenführungen entbrannten daher häufig Konflikte, zum Beispiel wenn der Weg über einen frisch eingesähten Acker führte. Am Ortsrand angekommen wurde der Trauerzug vom Pfarrer und den Messdienern in Empfang genommen.

Diese Treffpunkte waren oft mit Bildstöcken oder Wegekreuzen markiert.
Prof. Franz Jostes (1858–1925, ehem. Germanist und Sprachforscher an der Universität Münster, aufgewachsen in Glandorf) vertrat die Auffassung, dass vormals an diesen Plätzen Steinkreuze standen. Jene Kreuzsteine sind noch heute an mehreren Stellen im Ortsgebiet Glandorfs zu entdecken, allerdings nicht mehr an ihren ursprünglichen Positionen. Aus diesem Grund war die Herkunft der hiesigen Kreuzsteine lange Zeit ungeklärt. Eine Theorie geht allerdings bis in die Zeit der Christianisierung zurück und besagt, dass die Kreuzsteine lediglich das Dorf als ein christliches auswiesen. Ihr tatsächlicher Ursprung ließe sich wohl nur klären, wenn man ihr Alter bestimmen könnte, ob sie also aus vor- bzw. frühchristlicher Zeit stammen oder erst wenige hundert Jahre alt sind. Leider weisen weder Daten noch Inschriften auf ihre Entstehungszeit oder den Anlass ihrer Aufstellung hin.
Die sechs Glandorfer Kreuzsteine standen früher, der Jostes’schen Theorie folgend, an den Grenzen zu Averfehrden (Nordendorf), Westendorf und Schierloh (Ostendorf) sowie an den Wegen nach Sudendorf, Schwege und zum Laudiek (Brock).

Averfehrdener Kreuzstein - Foto von Annika Niermann

Averfehrdener Kreuzstein – Foto von Annika Niermann

Manche sind im Laufe der Zeit Straßenbaumaßnahmen zum Opfer gefallen und versetzt worden, so dass diese Kreuze jetzt neben dem Kirchenportal und an der Sakristei, am Kreisel Kattenvenner Straße / Münsterstraße sowie am Haus der Familie Beckmann „Am Timpen“ zu finden sind. Letzteres wurde erst 1928 in den Grundmauern des alten Hauses entdeckt. Eines ist allerdings nicht auffindbar, es wurde vermutlich zerstört. Der Averfehrdener Kreuzstein beim Ehrenmal am Neuen Friedhof befindet sich als einziger dort, wo er seiner Zuordnung zum Ortseingang entspricht. Es ist davon auszugehen, dass dieser ursprünglich in der Johannisstraße stand und von dort aus die Trauergemeinde mit dem Pastor zur Kirche ging, neben der auch früher der Friedhof lag. Nach der Errichtung des Friedhofes an der Windmühlenstraße (1867 auf ‚Jostes Spirkland‘) war dort zuerst die Beerdigung und anschließend das Seelenamt in der Kirche. Deshalb wurde der Kreuzstein an der Kreuzung Nordstraße / Kattenvenner Straße wieder aufgestellt, um die Einholstelle (aus Richtung Averfehrden) vor den Friedhof zu positionieren. Hier wurde er von Heimatforscher Crone bereits um 1909 lokalisiert und dokumentiert.

Doch seit 1956 ist es verboten, Verstorbene zuhause länger als drei Tage aufzubahren. Die Tradition der Einholstellen endete somit und die Kreuzsteine verloren ihre Bedeutung. Dafür bestand dann beim Krankenhaus die Möglichkeit der Aufbahrung und seit 1976/77 in der neugebauten Friedhofskapelle.

Maria und Johannes unter dem Averfehrdener Kreuz

Maria und Johannes unter dem Averfehrdener Kreuz

Doch am Standort an der Johannisstraße auf dem ehemaligen Grundstück von Maler Mennemann wurde abermals ein Kreuz aufgestellt. Alte Fotos zeigen es mit Maria und Johannes, wie von Altarkreuzen aus vielen Kirchen bekannt. Irgendwann nach 1901 wurde ein neues Altarkreuz für die Glandorfer Kirche angeschafft und da das Kreuz bei Mennemann verrottet war, stellte man die ehemalige Altargruppe dort auf. Der heutige Korpus indes stammt aus Schwege vom Hofkreuz der Familie Schwegmann, den Maler Mennemann 1935 übernommen hatte. Bedauerlicher Weise sind die Figuren unter dem Kreuz dann mit der Zeit verwittert und sie wurden ersatzlos entfernt. Mennemann verkaufte das Haus 1965 an die Familie Nollmann, die dort ein Fleischergeschäft führte. In den 1990er Jahren erwarb die Firma Beermann aus Müschen das Anwesen. Das alte Gebäude wurde abgebrochen und hinter dem Kreuz entstand ein neues Wohn- und Geschäftshaus mit Imbiss.

Zudem reduzierte sich die Kreuzanlage mit den Jahren immer mehr. Die Kugeln der historischen Sandsteinmauer verschwanden, der schmiedeeiserne Zaun wurde demontiert und ging verloren. Mit gutem Willen wurde Anfang der 2000er Jahre das Pflaster vor dem Kreuz geöffnet und ein kleines Beet angelegt. Doch die Wurzeln der Bodendecker drangen in einen Teil des Sockels ein und sprengten den Sandstein auf, so dass die ganze Maueranlage Risse bekam und instabil wurde.

Im Herbst 2010 gab der Eigentümer Dieter Beermann die Restauration des Korpuses sowie des Holzkreuzes bei der Firma Eichholz aus Bad Laer in Auftrag. Nachdem nun auch das Kreuz entfernt worden war, kam die Überlegung auf, die Kreuzanlage an einem würdigeren Platz wieder zu errichten. Diese Aufgabe hatten im April 2012 einige Mitglieder vom „Kultour-Gut! Glandorf“ übernommen.

Als erstes wurden zwei Vorschläge erarbeitet, die mittels Fotomontagen zeigten, dass die Wiedererrichtung vor einem Schnellimbiss nicht erstrebenswert sein konnte. Ebenfalls trug ein maßvoller Finanzierungsplan dazu bei, auch kritische Stimmen zu überzeugen, die den ursprünglichen Standort favorisierten.

In den ersten Maitagen 2012 wurde am neuen Standort, weniger als 100 Meter entfernt, ein Betonfundament von der Fa. Ziegert fachmännisch gegossen und die Heckenpflanzen im Halbkreis wieder eingepflanzt. Nur kurze Zeit später wurde das Kreuz aus Bad Laer geholt und mit Unterstützung der Fa. Heuger aufgestellt.

Schon zu diesem Zeitpunkt konnte die hervorragende Restaurationsarbeit der Fa. Eichholz bewundert werden. Das Engagement der ehrenamtlichen Helfer dauerte bis zum Herbst an. In diesem Zeitraum wurde die Maueranlage abgebaut und wieder aufgemauert sowie Pflaster- u. Malerarbeiten ausgeführt. Auch das Metallgitter und die Sandsteinkugeln wurden wieder ergänzt.

Am Sonntag, dem 14. Oktober 2012, segnete Pastor Ulrich Müller ein wichtiges Denkmal der Glandorfer Geschichte feierlich ein.
Zahlreiche Interessierte und einige Vertreter der Presse ließen sich bei dieser Gelegenheit über den Ablauf des Umsetzungsprozesses sowie den geschichtlichen Hintergrund informieren.

Das Kreuz war Jahrzehnte lang als Mennemanns Kreuz bekannt. Es wurde in jüngster Zeit und wird vor allem jetzt, da es an seinem neuen Standort steht, als „Averfehrdener Kreuz“ bezeichnet. Dies soll dem geschichtlichen Hintergrund Rechnung tragen und an den Ursprung dieses Kreuzes erinnern.

Die neue Inschrift auf der Mauer lautet:

Gewandelt und gewandert durch die Zeiten,
spend’ ich Trost denen, die trauernd vorüberschreiten.
Sei eingedenk in deinem täglich’ Eilen,
auch kurz im Gebete zu verweilen!
2012

Die erste Zeile bezieht sich auf den optischen Wandel, den die Kreuzanlage im Laufe seiner Geschichte vollzogen hat. Die zweite Zeile stellt den Zusammenhang zum ursprünglichen Zweck sowie dem historischen Hintergrund her. Die unteren zwei Zeilen sollen dazu aufrufen, in der Hektik und dem Stress der heutigen Zeit darüber nachzudenken, welche Bedeutung und welcher Sinn hinter dem Symbol des Kreuzes an dieser Stelle zu finden ist.

Für Kultour-Gut! Glandorf Frank Niermann

Quellen:

  • –  Christof Spannhoff „Thieplätze und Kirchhofsburgen“, Vortrag Oktober 2011
  • –  Karl-Heinz Fischer „Kreuze, Klausen u. Grotten in Glandorf u. Schwege“ Heft 2, 2000
  • –  Kirchengemeinde Glandorf „St. Johannis Glandorf“, Infobroschüre, 2002
  • –  Crone, W. „Kreuzsteine im Osnabrücker Lande“ in: Niedersachsen, Nr.20, 15.07.1909
  • –  Zeitzeugen