Das Rollenbuch

Seit über 100 Jahren Grundlage für Glandorfer Theateraufführungen

Foto von Karl-Heinz Krützkamp

In zahlreichen Gemeinden ländlicher Regionen Deutschlands gibt es die oftmals langjährige Tradition der Laientheateraufführungen. Sowohl von Nord- bis Süddeutschland als auch vom Westen hinüber in den Osten unseres Landes sind Vereine und Verbände zu finden, die den eigenen Ort um dieses Kulturgut bereichern. Häufig wird in diesen Theatergruppen die im Dorf gebräuchliche Mundart gepflegt. Bedauerlicherweise führt dies mitunter zu Nachwuchsproblemen, Zuschauermangel oder sogar zur Aufgabe dieses Engagements. Das ist besonders dann eine unglückliche Entwicklung, wenn diese vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen Hingabe an das „Dorftheater“ stattfindet. Umso erfreulicher ist es, wenn solche Theatertraditionen fortgeführt werden und so ein wichtiges Stück kultureller Identität bewahrt wird.

Basis für diese Theateraufführungen ist allerdings das Rollenbuch.

Das hier abgebildete Exemplar „Schulten Lena’s Waort!“ wurde im Jahr 1950 von Paula Wilken geschrieben. Die Autorin betreute nach 1945 in Ascheberg bei Münster eine Laienspielgruppe, für die sie Bühnenstücke verfasste, Regie führte und als Schauspielerin mitwirkte. Sie wurde 1910 ebenda geboren und zog 1933 mit ihrem Ehemann nach Münster-Kinderhaus. Sie erlangte mit der Zeit einen hohen Bekanntheitsgrad als Volksdichterin und Heimatschriftstellerin. Auch in der hiesigen Umgebung war ihr Name ein Begriff und ihre Stücke wurden in den frühen 1960er Jahren bevorzugt aufgeführt.

Doch die Ursprünge Glandorfer Theatertätigkeit liegen weitaus länger zurück als diese Jahre während des Wirtschaftswunders.

Schon in den frühen 1900er Jahren war es in Glandorf der Gesellenverein (bzw. später die Kolpingfamilie), der die ersten Theaterstücke auf die Bühne brachte. Die Stücke wurden im Winter aufgeführt, wobei abwechselnd die transportable Bühne im Saal Brandes oder Herbermann aufgestellt wurde. Während des Krieges 1914–1918 ruhte beinahe die ganze Arbeit des Gesellenvereins, weil fast alle Mitglieder an der Front waren. Nach dem Kriegsende wurde trotz der ernsten Zeit die Unterhaltung nicht vergessen. Die alljährlich aufgeführten Theaterstücke fanden einen wachsenden Zuspruch bei der Glandorfer Bevölkerung. Da nicht mehr ausreichend Platz vorhanden war, wurde der Saal Alex Herbermann vergrößert und eine feste Bühne eingebaut. Das dafür benötigte Geld lieh sich der Gesellenverein von der Familie Schierhölter. Der Bau der Bühne wurde in Hand- und Spanndiensten von den Mitgliedern des Gesellenvereins durchgeführt. Mit der Aufführung der „Großen Passion” wurde die neue Bühne eingeweiht. Mit den Einnahmen aus diesem Stück konnte bereits der größte Teil des aufgenommenen Geldes zurückgezahlt werden. 1925 wurde Kaplan Schade Präses des Glandorfer Gesellenvereins. Unter seiner Leitung spielte der Verein 1927 bis 1929 zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder Theater mit zum Teil weiblicher Besetzung. Aufgrund der Einwände des Pastors Köster gegen die Besetzung der weiblichen Rollen mit Frauen kam 1929 eine Regelung zustande, der zur Folge 1930 mit Frauen und 1931 ohne Frauen und möglichst auch 1932 ohne Frauen Theater gespielt werden sollte. Die letzte Entscheidung darüber überließ Pastor Köster jedoch Kaplan Schade.

In jenen Jahren kam auch in Schwege ein reges Interesse am darstellenden Spiel auf.

1932 wurde in Schwege durch Initiative von Lehrer Körling der „Katholische Männergesangverein Schwege“ gegründet. Unter der Regie von Spielleiter Josef Kleine Wienker wurden bereits früh kleine Theaterstücke aufgeführt. 1939 wurde der Verein unter dubiosen Umständen aufgelöst. Es wird vermutet, dass nationalsozialistische Parteifunktionäre Einfluss nahmen, denn paradoxerweise wurde einen Monat später der Verein neu gegründet. Nun allerdings nicht mehr kirchlich sondern staatlich geleitet. Bis 1939 war der Verein sehr rege, doch während des 2. Weltkrieges löste sich der Verein langsam auf.

1947 kam es zur Neugründung des Gesangvereins, der aufgrund des Männermangels auch Frauen in seine Reihen aufnehmen wollte. Der Männergesangverein verband sich mit dem Jungfrauenchor und nannte sich danach „Cäcilienchor“. Ab dieser Zeit wurde verstärkt Theater gespielt. Die Veranstaltungen im Saal Riesenbeck liefen wie folgt ab: Zuerst wurden einige Lieder gesungen und dann kam ein kleines Theaterstück zur Aufführung. Bei den wöchentlichen Übungsabenden gab Pastor Vehner abschließend um 10 Uhr jedem ein Bier mit Schuss aus und somit konnte jeder pünktlich um 10.30 Uhr zuhause sein. (Die befragten Zeitzeugen beteuern, dass es sich genau so zugetragen hat.) Der Verein war bis in die späten 1950er Jahre aktiv, doch als Lehrer Körling starb, ging mit ihm die Tätigkeit des Vereins abrupt zu Ende.

Der Bildung einer Theatergruppe ging also oft die Gründung eines Vereins voraus, aus dem sich die Akteure rekrutierten.

Beispielhaft hierfür ist auch die Entwicklung der „Plattdeutschen Spielschar Glandorf“.

1948 formierte sich der „Junglandwirteverein“ in Glandorf. Der damalige Direktor der landwirtschaftlichen Berufsschule, August Schmidt-Riese, regte den jungen Vorstand an Theateraufführungen zu veranstalten.

Trotz der Tatsache, dass die Kolpingfamilie bereits seit vielen Jahren regelmäßig Theater spielte, begann die Jugend aus den umliegenden Bauerschaften im darauf folgenden Jahr zum Erntedankfest plattdeutsche Komödien aufzuführen. Dabei ahnte 1949 noch niemand, dass diese Aufführungen unter freiem Himmel eine lange und erfolgreiche Tradition begründen sollten. Welches Stück damals als erstes über die Bühne ging, lässt sich bislang nicht nachvollziehen.

Zu den Aktiven der ersten Stunde gehörte Spielleiter Rudi Fuhrmann und sein Nachfolger Rektor Herkenhoff sowie Josef Drop, der neben einigen Bühneneinsätzen rund 15 Jahre als Souffleur die passenden Stichworte gab. Seither rückten die Aufführungen vom Erntedankfest in den Frühling und vom Hof auf die Bühne im Saal Herbermann.

Die Aufführungen der Kolpingfamilie und der Landjugend standen sich in diesen Jahren als Konkurrenzveranstaltungen gegenüber. Die Kolpingfamilie setzte daraufhin die Elferratssitzung zum Karneval auf den Spielplan und bereichert seitdem auf diese Weise die Glandorfer Kulturszene.

Aber auch beim plattdeutschen Theater wandelte sich die Szenerie. Waren anfangs der Bauernhof, die Bauernstube oder -küche die bevorzugten Bühnenbilder, die nicht selten auch die Kulisse für Singspiele bildeten, sind es heute mitunter ausgefallene Bühnenbilder. Mit viel Liebe zum Detail nahmen in den vergangenen Jahren eine Dorffleischerei, eine moderne Dachwohnung oder sogar eine Poststation Gestalt an. Für die aufwändige Ausgestaltung der Kulissen verzichtet die Spielschar bereitwillig auf einen Teil der einstigen Flexibilität, die es erlaubte, an einem Abend bis zu fünf verschiedene Bühnenbilder zu kreieren.

Echte Originale, treffender Wortwitz und köstliche Situationskomik:

Mit diesen Ingredienzien sorgt die Laienspielschar der Landjugend Glandorf nun seit über 60 Jahren für heiteren Theaterspaß. Dieses Engagement hält unterdessen nicht nur die Theatertradition lebendig. Die ungebrochene Spielbegeisterung sorgt auch für den Erhalt der plattdeutschen Sprache, die als unverzichtbarer Bestandteil den Aufführungen ihren besonderen Charme verleiht.

Doch unentbehrlich sind auch die Textvorlagen von Autoren wie Paula Wilken, die auf unnachahmliche Weise den humorvollen Nerv des Publikums treffen. In Glandorf ist sie die am häufigsten aufgeführte Schriftstellerin. Ihre Stücke kamen wie folgt zur Aufführung:

1955 – Schulten Lena’s Woart!

1961 – Et riegt sick olles, Johanna

1962 – Tante Dina

1963 – De Ürwermacht

1964 – Öhm August

1993 – Öhm August (2. Inszenierung)

2012 – Tönne un Terro (Heiteres Zwiegespräch, aufgeführt zur Elferratssitzung)

Noch heute begeistern ihre Texte durch Sprachwitz und derbe Herzlichkeit. Das spiegelt einen Charakter wider, der von einer offenen, ehrlichen, spontanen und mitreißenden Art war. Ihre auf plattdeutsch vorgetragenen Lieder brachten Stimmung in jeden „Laden“. Die Dichterin sprach jedoch nicht nur platt- und hochdeutsch, sondern konnte auch die Osnabrücker und die kölsche Mundart kunstvoll vortragen. So war sie landauf und landab eine gern gesehene Gastrednerin. Freunde und Verwandte vermuten das Geheimnis ihres Erfolges darin, dass ihr das Plattdeutsche immer zu schade für ösige Dönekes (zweideutige Witze) gewesen sei. Als sie am 26. September 1988 in Münster verstarb, hinterließ sie tiefe Spuren im mundartlichen Kulturwesen unserer Region.

Diesen dichterischen Geist trägt die plattdeutsche Spielschar mit ungebrochener Begeisterung weiter. Aus dem Glandorfer Kulturprogramm sind die plattdeutschen Schwänke und Komödien längst nicht mehr wegzudenken. Die nächste Premiere im März verspricht deshalb schon jetzt humorvolle und heitere Unterhaltung.

Mit „Wecke wett Millionär?” von Hermann Eistrup möchte die Spielschar an den ersten drei März-Wochenenden die Bühne im Saal Herbermann und die Herzen der Zuschauer erobern. Es ist bereits das dritte Stück von Eistrup, das in Glandorf aufgeführt wird. Da es sich dieses Mal um eine Weltpremiere handelt, wird der Autor sogar persönlich anwesend sein.

 

Für Kultour-Gut! Glandorf

Frank Niermann

 

Quellen:

–       Zeitzeugen

–       Neue OZ, Nov. 2009, P. Ropers

–       100 Jahre Kolpingfamilie Glandorf 1886–1986

–       Westfälisches Autorenlexikon 1750–1950, Band 4

–       Münstersche Zeitung, 14.03.2010, C. Schräder