Die „Heilige Agnes“ von Ludwig Nolde

Foto von Karl-Heinz Krützkamp

Ein lang vergessenes Kunstwerk aus Glandorf

Im November 2011 wurde sie frisch restauriert der Öffentlichkeit vorgestellt: Die Holzstatue der „Heiligen Agnes“. Im Rahmen der Krippenausstellung fand ihre Erscheinung bemerkenswerte Anerkennung. Vielen war diese Kostbarkeit aus der Glandorfer Kirche nicht bzw. nicht mehr bekannt. Lange fristete sie im Abstellraum des Glockenturms ein nahezu unbeachtetes Dasein, bis das Krippenteam um Bernd Philippskötter sich ihrer annahm und die Instandsetzung der Skulptur in Auftrag gab. Die polychrome Bemalung mit Goldeinfassung wurde mit handwerklichem Geschick von der Fa. Eichholz aus Bad Laer wieder zu neuem Glanz gebracht. Doch unverkennbar ist die Handschrift des Bildhauers, dessen Werk jene eigentümliche Ausstrahlung besitzt, die zur Zeit der Anschaffung der Statue noch verkannt wurde.

Ludwig Nolde zählte schon in den 1930er Jahren zu den führenden Künstlern christlicher Kunst im Osnabrücker Land. Am 14. Dezember 1888 in Osnabrück geboren, absolvierte er seine Lehre von 1902 bis 1906 bei dem dort ansässigen Bildhauer Lukas Memken. Anschließend folgte eine fast zehnjährige Wanderschaft durch Westfalen, ins Rheinland, nach München, in die Schweiz sowie nach Italien. Wahrscheinlich hatte der junge Nolde dort die prägende Gelegenheit die alten Meister zu studieren, die ihn in seinem späteren Schaffen beeinflussten. Bei genauer Betrachtung der „Heiligen Agnes“ fällt auf, dass Körperhaltung und Proportionen dem klassischen Manierismus entsprechen. Parallelen zu Parmigianinos „Madonna mit dem langen Hals“ (1534/35) sind durchaus erkennbar.

1919 gründete Nolde eine eigene Werkstatt an der Dielingerstraße in Osnabrück und stellte seine Arbeiten in vielen Schaufenstern der Stadt aus. So mag es dazu gekommen sein, dass der damalige Glandorfer Pastor Köster schon 1923 zwei Engelköpfe aus Eiche bei ihm orderte. Dieses geht aus den Auftragsbüchern Noldes aus jener Zeit hervor.

1930 war Nolde bereits so etabliert, das er an der Rheiner Landstraße ein Wohnhaus mit einer großen Werkstatt und einem ständigen Ausstellungsraum errichten konnte. Inzwischen hatte er seinen expressiven Stil der 20er Jahre zu einer weicheren Formsprache weiterentwickelt, die sich allerdings bis zu seinem tödlichen Autounfall 1958 stetig wandelte.

Zeugnisse seines Schaffens finden sich an vielen Orten: in Osnabrück, Köln, Bremen, Münster, Hamburg, Oldenburg, Siegburg, Düren, um nur einige zu nennen, besonders aber in vielen Kirchen des Bistums Osnabrück. So auch in Glandorf, wo sich an der Kirchenkrippe zwei Hirten aus seiner Hand noch heute befinden.

Diese wurden 1930 von Pastor Köster angeschafft, dem eine ausgeprägte Leidenschaft für Kirchenkunst zueigen war. Ebenfalls in jenem Jahr, nur kurze Zeit vor der Ergänzung der Krippe, wurde die „Heilige Agnes von Rom“ in Auftrag gegeben. Als Geschenk fand sie ihren Platz in der Glandorfer Kirche, wo Sie in bildhafter Darstellung ihre Geschichte den Gläubigen erzählte. Deutlich ist ihre Haarpracht dargestellt, die ihr, laut Überlieferung, wie ein Schild Schutz vor ihren Peinigern bot. Darüber hinaus hält sie in ihren Händen die Märtyrerpalme und ein Lamm, als Symbol für die Art ihres Märtyrertodes.

Allerdings fand der künstlerische Anspruch Noldes nur wenig Anerkennung vor Ort. Sogar Bernhard Riese, der die Sammelleidenschaft Kösters noch selbst miterlebte, lässt eine deutliche Skepsis erkennen. So schreibt er im ersten Band der „Glandorfer Gestalten“: ‚Im Gotteshause liebte er (Köster) keine leeren Stellen. Von allen Wänden, aus allen Fenstern, ja sogar von der frei schwebenden Decke herunter sollten Bilder, Reliefs, Skulpturen und Wandgehänge mit Darstellungen aus der biblischen Geschichte und dem Leben Jesu die ländlichen Besucher zum Nachdenken zwingen. (…) Statuen von der hl. Agnes mit einem viel zu langen Hals und einem seltsamen Helm auf dem Kopf sowie ein „goldener“ hl. Aloysius wurden ihm geschenkt. Er nahm sie zwar als Lückenbüßer, war sich aber ihres künstlerischen Unwertes durchaus bewusst.’

Dieser Auffassung war wahrscheinlich auch der Nachfolger von Pastor Köster. In den 1940er Jahren reduzierte Pastor Bolte die Kunstwerke im Kirchenraum, wobei die „Heilige Agnes“ im Abstellraum landete. Wo allerdings der „Heilige Aloysius“ (ebenfalls Nolde) abblieb, ist bis heute nicht bekannt. Während der Kirchenrenovierung 1996 wurde die Skulptur der Agnes in einen Kleiderschrank in der Sakristei gestellt, aus dem sie Anfang 2011 wieder hervorgeholt wurde, um sie einer breiten Öffentlichkeit mit gereiftem Kunstverständnis zu präsentieren.

 

Für Kultour-Gut! Glandorf

Frank Niermann