Die Heimatnovelle – Bernhard Köster und die Glandorfer Geschichte

Schwedenchonik Cover„Eine Novelle ist eine in der Regel mittellange Prosaerzählung“, so verrät uns das Lexikon. Allerdings ist diese Literaturgattung in ihren Wesenszügen nur schwer von einer reinen literarischen Erzählung zu unterscheiden. Beides sind epische Texte, die sich durch ihren Inhalt von Kurzromanen oder längerer Kurzgeschichten abgrenzen. Kennzeichnend für die Novelle ist, dass sie von einem einzelnen Ereignis handelt und einen geradlinigen Handlungsverlauf besitzt, der auf ein bestimmtes Ziel hinführt. Es sind demnach vor allem drei typische Merkmale, die diese Textart ausmachen: Die Erzählung ist einsträngig, sie konzentriert sich auf eine einfach aufgebaute Geschichte (oft mit Symbolcharakter) und ist in eine Rahmengeschichte eingefasst. Die Schwedenchronik erfüllt diese Charakteristika und zeigt, dass Bernhard Köster sein Schriftgut entsprechend einzuordnen wusste. Die Handlung dieser Heimatnovelle bewegt sich bekanntlich in der Zeit des dreißigjährigen Krieges und gibt eine konkrete Begebenheit wieder, die tiefe Spuren im historischen Bewusstsein eines ganzen Ortes hinterlassen hat. Doch woher rührte das außerordentliche Interesse Kösters an der  hiesigen Geschichte, obwohl er gebürtiger Emsländer war? Nicht nur die „Schwedenchronik“, sondern auch sein historischer Roman „Schöne Anna Hake von Scheventorf“, ist Zeugnis für seine detaillierte Kenntnis der Geschichte des südlichen Osnabrücker Landes.

Einen umfassenden Einblick in die Jugend Kösters und die Zeit seines Wirkens in Glandorf gewährt uns Dr. Bernhard Riese im ersten Band der „Glandorfer Gestalten“. In akribischer Recherche hat er den Werdegang des Dorfschullehrer Sohnes zum geistlichen Rat und Heimatschriftsteller rekonstruiert. Riese schreibt über Köster:

Bernhard Köster wurde am 20. Oktober 1869 in Lahn auf dem Hümmling geboren. (…) Schon vor seiner Geburt hatte der phantasiebegabte und hochstrebsame Vater beschlossen, dass sein ältester Sohn Geistlicher werden sollte. Energisch wie er war, brachte er das Kunststück fertig und schickte seinen Sohn Bernd bereits mit viereinhalb Jahren zur Volksschule. Der Junge war geweckt und kam mit den Sechsjährigen mit. Später erhielt Bernd Köster beim Lahner Vikar Terwellen Sonderunterricht in Deutsch, Latein, Griechisch und Mathematik. Der Unterricht war sehr mangelhaft, die Prügel sehr ausgiebig. Wer seine Vokabeln nicht konnte, bekam 12 Schläge durch die Hände, wurde in den Ziegenstall gesperrt und musste den Rosenkranz beten. Dieser Prügelvikar verleidete Bernd Köster das Interesse an den Wissenschaften derart, dass er sich auch auf dem Gymnasium noch nicht von dieser elenden Epoche erholte. Im Übrigen aber war seine Jugendzeit ungetrübt und glücklich. Zu seinen Eltern, besonders zu seiner Mutter und Großmutter, hatte er ein sehr herzliches Verhältnis. Seine Freizeit verbrachte Bernhard Köster beim Lahner Schäfer Schür Jan, bei den Höfen und Hütten seiner Freunde und überall auf der weiten Heide. (…) Fünf Großsteingräber, zwölf Hügelgräber und eine alte Erdburg gaben der Lahner Landschaft ein besonderes Gepräge. Wer in dieser Gegend aufwuchs bei einfacher Kost, harter Erziehung und frommem Gebet, konnte nur einen derben und aufrechten Charakter bekommen. Nach dreijähriger Vorbereitung wurde Bernhard Köster mit einem Ackerwagen zu seiner Tante nach Meppen gebracht, um dort bei den durchweg alten und wenig umsichtigen Gymnasiallehrern zu studieren. Trotz Heimweh und größter Lücken in der Vorbildung, trotz mannigfacher Schwierigkeiten bei seinen Lehrern schaffte er das Gymnasialpensum und bestand 1889 das Abitur.

Die Ferien im Lahner Lehrerhaus waren für Köster immer wieder ein Erlebnis. (…) Abends saßen die Männer des Dorfes (…) am Herdfeuer, und dann ging es ans Geschichtenerzählen. Kösters Bernd hörte stets gespannt zu. So erfuhr er die Hümmlinger Geschichten von dem Wegelagerer Jan Buntekauh, dem Räuberhauptmann Jan Karl, die Sagen vom Kölkesberg und Teufelsberg, von der letzten Heidenpriesterin am Menschenberg, vom letzten Hümmlinger König Surwold, von den Großsteingrabbauern und den Heidengräbern. Kösters jugendliche Phantasie wurde dadurch ebenso geweckt wie seine tiefe Liebe zu seiner uralten Heimat und zu echtem Menschentum. Sicher ist ihm schon in jenen Tagen der Gedanke gekommen, von diesen Geschichten der Nachwelt zu berichten. Im Sommersemester 1889 begann Köster das Studium der Philosophie und Theologie in Münster. Er wohnte bei seiner Tante und trat der ältesten Studentenverbindung Sauerlandia bei. In diesem Kreise führte er zunächst ein fröhliches und bewegtes Studentenleben. Die Sauerlandia war damals politisch und konfessionell noch nicht gebunden und gehörte keinem Verband an. Für Kösters freiheitsliebendes und tatendurstiges Wesen war die Sauerlandia gerade die richtige Studentenverbindung. (…) In der Sauerlandia traf Köster mit bedeutenden Gelehrten, Schriftstellern und Dichtern zusammen. Einige Namen seien hier genannt: Friedrich Wilhelm Helle, Friedrich Wilhelm Grimme, Friedrich Schnettler, Josef Wormstall, Prof. Schöningh und Friedrich Castelle.  Sicher hat die Zugehörigkeit zur derart schreibfreudigen Sauerlandia nicht nur Kösters Leben, sondern auch sein späteres Wirken als Schriftsteller wesentlich beeinflusst. Trotz feucht-fröhlichen Studentenlebens versäumte er sein Studium nicht und wurde bereits geweiht. (…)

An dieser Stelle führt Bernhard Riese ausführlich die ersten Priesterjahre Kösters in Spelle, Lengerich, Schapen und Lübeck aus. Aufschluss über die schriftstellerische Tätigkeit sowie die Aneignung der historischen Kenntnisse in und über Glandorf geben dann die folgenden Absätze:

(…) Neben all diesen mannigfachen Aufgaben oblag Pastor Köster in Lübeck auch das Amt eines katholischen Militärpfarrers. (…) Für seine Verdienste erhielt er schon zu Beginn des ersten Weltkrieges das Kriegsverdienstkreuz. Als der Bischof ihn am 26. Mai 1915 als Nachfolger des Dechanten Schmitz nach Glandorf berief, wird Köster aufgeatmet haben und von Herzen froh gewesen sein; denn selbst seine robuste Gesundheit hatte unter dem dauernden Mangel an Schlaf, dem Übermaß an Arbeit, durch Auseinandersetzungen, Intrigen und Sorgen um Geld und Schulden gelitten.

In Glandorf begann für Bernhard Köster ein völlig neuer Lebensabschnitt. Nach vielen Jahren rastloser Arbeit kehrte er zum Landleben in eine reine Bauerngemeinde zurück. Sicher werden ihm Erinnerungen an sein Heimatdorf Lahn gekommen sein. In zwei bis drei Jahren hatte er ganz Glandorf durchstreift, die meisten Familien mehrfach besucht, kannte Weg und Steg, Feld und Flur und besonders die ihm anvertrauten Glandorfer Menschen. (…) In Professor Dr. Jostes lernte Köster einen großen Gelehrten kennen, den er sehr schätzte und dessen Urteil und Rat er bei seinen geschichtlichen Studien verschiedentlich einholte. (…)

Bernhard Riese war als gebürtiger Glandorfer selbst über viele Jahre Mitglied in Kösters Kirchengemeinde und kannte ihn deshalb recht gut. An diesem Punkt der Biografie beschreibt er das geistliche und menschliche Wirken Kösters in Glandorf mit süffisantem Wortwitz. Doch die Entstehung der „Schwedenchronik“ schildert er erst einige Abschnitte später:

(…) Bei seinen Studien in den Staatsarchiven zu Münster und Osnabrück hatte Köster sich auch mit den Zuständen in unserer Heimat während des Dreißigjährigen Krieges befasst. Bei seinen zahlreichen Hausbesuchen in Glandorf wurden diese Kenntnisse um die mündliche Überlieferung der bäuerlichen Bevölkerung bereichert. Aus diesen beiden Quellen schöpfte er den Stoff für die geschichtliche Heimatnovelle „Als die Schweden im Lande waren”. Sie erschien zunächst wiederum im „Westfälischen Merkur” und wurde später unter dem neuen Titel „Schwedenchronik” gedruckt und 1926 von Schönigh in Osnabrück herausgegeben. Sie erzählt von Plünderungen, Raubmorden und Brandschatzungen der Schweden im Dreißigjährigen Krieg. Geschichtliche Tatsachen sind hier mit den noch im Volksmund überlieferten Erzählungen geschickt zu einer nach Stormscher Art „eingeklammerten” Novelle zusammengefaßt. Der schwedische Wachtmeister Ryhelander von Dalekarlien tobt sich in seiner entmenschten, rohen Art von Iburg her mit Rauben, Saufen, Ertränken, Vergrabungen, Kreuzigen und allen erdenklichen Grausamkeiten besonders gegen das Dorf Glandorf aus. Als er die Braut des Paulus Dingwerth getötet hat, erwächst ihm in diesem ein unerbittlicher Gegner. Dingwerth wird freiwillig Soldat, übt sich täglich und stündlich im Waffenhandwerk und bekommt endlich nach vielen Jahren Ryhelander vor die Klinge. Er besiegt ihn; ein anderer rachedurstiger Bauer schneidet dem todwunden Ryhelander die Kehle durch. (…)

Nun folgen im Text Rieses noch weitere Ausführungen über das umfangreiche literarische Schaffen Kösters. Doch diese später anschließenden Sätze sind für den heimatgeschichtlichen Forscher von  besonderem Interesse:

(…) In den ersten Jahren des zweiten Weltkrieges erkrankte Köster. Trotz seiner robusten Gesundheit war er sich über den weiteren Verlauf seiner Krankheit im Klaren; denn Köster war durchaus Realist. So machte er sich daran, wenigstens noch die von 1915 an über Glandorf gesammelten Unterlagen zu ordnen und auszuwerten. Es gelang ihm noch, das Wesentlichste aus dem umfangreichen Aktenmaterial im Telegrammstil zu diktieren. Seine „Geschichte Glandorfs” umfasst 12 Abschnitte. Im Einzelnen behandeln sie folgende Themen: „Die ältesten Erwähnungen Glandorfs”, „Bäuerliche Besitzungen”, „Die Geistlichen”, „Die Schulen”, „Die Eigenbehörigkeit”, „Die Kriegswirren”, „Die Kirche” und zum Schluss „Die Landesherren”. Die „Geschichte Glandorfs” ist so, wie sie vorliegt, nicht druckreif. Sie enthält eine Unmenge heimatgeschichtlichen Materials, welches sich keineswegs auf GIandorf beschränkt. Für ein Glandorfer Heimatbuch wird indessen dieses Manuskript im Zusammenhang mit dem älteren Heimatbuch von Dechant Schmitz eine wertvolle Grundlage bilden. (…)

Damit sind wir auf dem Rundgang durch Kösters Lebenswerk am Ende angekommen. Der Inhalt aller Köster-Bücher ist mit viel Fleiß und großem Verständnis für geschichtliche Zusammenhänge erarbeitet. Überall vertritt er den Standpunkt christlicher Lebensauffassung. Stets zeigt er wohlwollende Toleranz gegenüber anderen Religionen. Kösters Stärke ist die Gegenüberstellung guter und schlechter Menschen. In allen seinen Werken skizziert er wagemutige Helden und falsche Spitzbuben. Letztere sind zumeist ausländischen Geblüts oder stehen zumindest unter ausländischem Einfluß. Fremd ist ihm jeder Fanatismus und übertriebener Patriotismus, aber die tiefe Liebe zu seiner Heimat und zu seinem Volk geht aus all seinen Schriften hervor.

Kösters Sprache ist derb und deutlich, kurz und bündig. Man könnte sogar, wie es J. Boesch anlässlich einer Kritik der „Schönen Anna Hake von Scheventorf” erstmals versuchte, von einem eigenen „Köster-Stil” sprechen. Er ist ein Meister der Ausdrucksweise. Kurze, kräftige Worte und Ausdrücke liegen ihm besonders. Dieser Stil ist manchmal etwas rau, aber er passte zum Mittelalter und zu
Räubergeschichten. (…) Köster hat uns in seinen Büchern viel hinterlassen. Wenn wir bedenken, daß er nur ein Jahrzehnt seines Lebens für seine literarische Tätigkeit einsetzen konnte, sind wir ihm Dank und Anerkennung schuldig. (…) Köster gehört in die vorderste Reihe unserer Volks- und Heimatschriftsteller. Ihm seinen gebührenden Platz bereiten zu helfen, war meine Absicht. (…)

Dr. Bernhard Riese war ebenfalls emsiger Geschichtsforscher und Schriftsteller. So gab er immer pflichtbewusst die Quellen seiner Recherchen an und dient somit als Vorbild für kommende Generationen von Heimatkundlern.

Die geschichtlichen Verhältnisse, als Pastor Köster am 23. Juni 1944 verstarb, konnte er jedoch ohne weitere Nachforschungen beschreiben, da er sie als 29jähriger selbst miterlebte. Köster erlag einem lang jährigen Nierenleiden, für das er sich drei Mal einer schweren Operation unterzog. Um in den Kriegswirren einen übermäßig langen Krankentransport zu umgehen, ließ er sich in das Marienhospital in Osnabrück einweisen. Jedoch zu seiner letzten Behandlung im Juni 1944 war dies bereits nach Iburg evakuiert worden. Nachdem er im Kreise seiner Glandorfer und Iburger Mitbrüder verschied, wurde er in Glandorf beigesetzt, wo noch heute seine Grabstätte besucht werden kann.

Der Biografie Kösters ist also zu entnehmen, mit welchen Grundlagen und Quellen er eine Heimatnovelle wie die „Schwedenchronik“ verfasste. Doch zeitgenössische, schriftliche Belege der Ereignisse in Glandorf um den 05. Mai 1636 finden sich in keinem Archiv. Wenn wir aber mit dem aufmerksamen Blick Kösters durch Glandorf gehen, finden wir allerdings andere Hinweise, die uns Zeugnis geben, über das was damals geschah. Köster wird vielleicht als erstes die Inschrift im Sturz über der sogenannten Brauttür aufgefallen sein, einem Nebeneingang der Glandorfer Kirche. Dort ist im Sandstein auf Latein Folgendes verewigt:

ANNO CHRISTI 1636 DIE 5 MAII TEMPLUM HOC MISERRIME COMBUSTUM EST.
30. VERO DIE AUGUSTI ANNI EIUSDEM REAEDIFICARI COEPTUM.
SIT PROGRESSUS DIRECTORE IEHOVA FELIX EGERSSUS SALUTARIS.

Kösters Übersetzung in der Schwedenchronik ist recht kompakt ausgefallen. Sie sei hier etwas komplexer wiedergeben:

Im Jahre Christi 1636, dem 5. Tag des Mai, ist dieser Tempel
elendigst niedergebrannt worden.
Aber am 30. Tag im August desselben Jahres
befand er sich im Beginn des Wiederaufbaus.
Möge der Fortschritt mit Jehova als Lenker einen glücklichen Ausgang bringen.

Bei der Übersetzung fällt auf, das dem Steinmetz ein Fehler unterlaufen sein muss. Er schrieb „EGERSSUS“ statt „EGRESSUS“ (= der Ausgang, die „Schiffs“-Landung). Auch wenn die Verwechslung der Buchstaben damals bereits auffiel, wird man auf eine Korrektur verzichtet haben, denn dafür hätte der ganze Stein ausgewechselt werden müssen, aber Baustoffe dieser Art waren damals rar.

Die Inschrift selber verrät uns nur schemenhaft die Umstände des Brandes, jedoch nicht die Gründe oder die Verursacher. Diese Information wurde höchstwahrscheinlich nur durch den Volksmund überliefert. Möglicherweise fand Köster den zweiten Anhaltspunkt für die schrecklichen Begebenheiten kurz darauf im Glockenturm. Dort hängt auch heute noch die Schwedenglocke. Sie hat einen Durchmesser von 1,20 m, wiegt 2500 Pfund und ihre Tonstimmung ist e’. Diese historische Glocke von 1666 blieb als einzige aus dem alten Geläut erhalten, musste allerdings 1958 erneuert werden, da sie gerissen war. Sogar während der beiden Weltkriege blieb sie unangetastet, als viele Glocken wegen ihres Materials eingeschmolzen wurden. Sie trägt die Inschrift:

VOX DICOR VERBI
INJUSTE LIQUEFACTA PER IGNEM TERQUE REFUSA
NOVOS DO REDIVIVA SONOS A.D. 1666

Stimme des Wortes werde ich genannt.
Zu Unrecht wurde ich durch Feuer zerschmolzen und wurde drei Mal neu gegossen.
Als Auferstandene ertöne ich nun erneut. A.D. 1666

Darunter wurde in späteren Jahren hinzugefügt:

VETUSTATE SCISSAM PIETAS REFECIT A.D. 1958

Die durch Alter geborsten war, hat die Frömmigkeit erneuert. A.D. 1958

Wieder findet sich der Hinweis auf einen verheerenden Kirchenbrand. Die Inschrift lässt einen unseligen Hintergrund erahnen. Wenn eine Glocke stellvertretend die Stimme der Menschen ist, so ist das unausgesprochene Wort die Wahrheit, die nicht öffentlich genannt werden kann. Dies trifft auf die Jahre nach 1636 zu, denn die mutmaßlichen Brandstifter waren die Schwedischen Truppen, die nachweislich auf längere Zeit die nahe Iburg besetzt hielten. Köster kommentierte dazu später, dass die „Höllenglut“, die den Kirchturm durchloderte, diesen noch heute mit Brandgeruch erfüllt würde. Allerdings ist hiermit die Spurensuche keineswegs abgeschlossen. Als Pastor wird ihm durchaus beim Verlassen der Sakristei ein Straßenname aufgefallen sein, der ihn abermals an die Feuerfrevler erinnert haben wird: Die Schwedenstraße. Signifikant ist ihr Verlauf. Sie weißt direkt von der Glandorfer Kirche nach Iburg, in die Richtung, aus der die Brandstifter kamen. Aber nicht nur das, sie führt ebenfalls zum Gehöft von Schultewerths. Auf den Hof, wo jene Familie schreckliche Gräuel erleiden musste. Als Erinnerung an diese Schandtaten steht dort das Schwedenkreuz, das Dr. Bernhard Riese wie folgt beschrieb:

„Das Schwedenkreuz ist die gelungene Arbeit eines bäuerlichen Herrgottschnitzers aus dem 17. Jahrhundert. Der Korpus ist vielfach übermalt und trägt eine mehrere Millimeter dicke Farbschicht. Die sonst in unserer Heimat seltene Überdachung deutet an, dass hier ein besonderes Kreuz steht. Vorn, innen haben die Dachbretter eine profilierte Leiste. Das Antlitz ist derb-bäuerlich im Vergleich z. B. mit Kruzifixen von Gröninger. Das wallende Haar und ein über der rechten Schulter liegender Haarschopf mildern die Derbheit. Das Lendentuch zeigt in seiner geraden Steifheit noch gotische Stilelemente im Gegensatz zum damals beginnenden geschwungenen Barock. Man kann sich vorstellen, dass der Herrgottschnitzer, als er dieses Kreuz schnitzte, nicht nur an den Kreuzestod auf der Schädelstätte in Golgatha gedacht hat, sondern auch an den Martertod der Schultewerth-Tochter am Eichbaum auf dem Glandorfer Bauernhof.“

Allerdings sind alle diese Hinweise nur Indizien dafür, dass die von Pastor Köster in seiner Heimatnovelle geschilderten Ereignisse sich wirklich so zugetragen haben, aber der stichhaltige Beweis hierfür liegt nicht vor. Kein Dokument, keine bildhafte Darstellung aus jener Zeit ist vorhanden. Doch woher hatte der spätere Chronist seine detaillierten Informationen? Die Antwort gibt er uns selbst in seinem unveröffentlichten Manuskript zur Geschichte Glandorfs:

„Bei dem Bauer Schultewerth, der vielleicht Dorfschulze war, oder sonst ein Amt bekleidete, sollen die Schweden sogar ein Mädchen gekreuzigt, d.h. an einen Eichbaum genagelt haben. Ein altes Kreuz, das noch heute vorhanden ist, soll die Stelle dieser Untat bezeichnen. Die anderen Bewohner des Hofes Schultewerth waren nach der Volksüberlieferung in die ausgedehnten Waldungen nach Laer geflohen und hatten sich dort, wo heute die „Nien Lande“ sind, tagelang aufgehalten. Sogar von dem sog. Schwedentrank und anderen Grausamkeiten wissen die Glandorfer noch zu erzählen.“

So ist es also der Volksmund, der fast 300 Jahre lang, bis zur Niederschrift der „Schwedenchronik“, die Geschehnisse im Gedächtnis der Bevölkerung bewahrt hat. Köster wird mit seinem dichterischen Können so manches ausgemalt haben, aber die nachweisbaren historischen Fakten hat er gewissenhaft einfließen lassen. Als passionierter Leser der Osnabrücker Mitteilungen und Besucher des Osnabrücker Staatsarchivs sowie des dortigen Diözesanarchivs, hatte er fundierte Kenntnis über den Verlauf des 30jährigen Krieges im Glandorfer Gebiet. Es ist also dem schriftstellerischen Schaffen Kösters zu verdanken, dass die Erinnerung an eine der dunkelsten Stunden der Glandorfer Geschichte bis heute erhalten geblieben ist.

Für Kultour-Gut! Glandorf

Frank Niermann

Quellen: